Buchtipps vom 2. Mai 2008
- Miranda July: Zehn Wahrheiten
- Gustave Flaubert: Madame Bovary
- Albert Meyer: Homer bärndütsch: Odyssee
- Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft
- Zürich und Bern 68
Miranda July
Zehn Wahrheiten
Miranda July ist ein Multitalent: die 34-Jährige ist Performance-Künstlerin, Musikerin, Schauspielerin, Schriftstellerin und Filmemacherin und tut dies alles auch ziemlich erfolgreich: Ihr Film «Me and You and Everyone we Know» räumte 2005 in Cannes vier Preise ab, ihre Kunstprojekte wurden bereits in namhaften Galerien ausgestellt und nun liegt ein Erzählband in Deutsch vor: «Zehn Wahrheiten».Die sechzehn Geschichten sind total schräg. Da gibt es den Wirtschaftsprüfer, der keiner ist und nur so tut, als ob er einer wäre - alles, um einer Frau zu gefallen. Oder die 25-jährige Lehrerin, die sich in einen zehn Jahre jüngeren Schüler verliebt, da er eine sexuelle Phantasie ihrer Jugendjahre verkörpert. Oder eine junge Frau, der Prinz William im Traum erscheint, worauf sich die Grenzen zwischen Traum und Realität verwischen. Lesen Sie dieses Buch! Sie werden einige Male schmunzeln, in Verwunderung den Kopf schütteln und/oder persönlich berührt sein.
Céline Morgan
Diogenes Verlag, Zürich 2008
252 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-257-06605-0
CHF 33,90
Gustave Flaubert
Madame Bovary
Sitten in der Provinz
Endlich ist sie da, die neu übersetzte «Madame Bovary»! Wunderbar ausgestattet, in der von Gerd Haffmans vor gut zehn Jahren gestarteten und bei Zweitausendundeins fortgesetzten Neuübersetzungsreihe des Flaubertschen Gesamterkes ist sie nun an der Reihe. Das lange Warten hat sich gelohnt. Andreas Isenschmid schreibt in «Die Zeit»: «Flauberts Präzision und Musikalität der Sprache übersetzt Caroline Vollmann am besten. Etwas genauer als ihre Kollegen trifft Vollmann auch im Deutschen den Bau von Flauberts Sätzen mit ihrer oft abweichenden Wortstellung; etwas subtiler erwischt sie die Rhythmik ganzer Absätze. Vollmann kann ganz einfach noch ein bisschen besser Deutsch. Und ihre Zuverlässigkeit bewährt sich auch im Detail.
Die neue Übersetzung von Caroline Vollmann ist die beste, die am meisten Flaubertsche der sechs auf dem Markt lieferbaren Übersetzungen.» Ein Lob, das geradezu zur (wiederholten) Lektüre auffordert, finden Sie nicht?
Barbara Gafner
Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt 2008
511 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-86150-807-6
CHF 54,80
Albert Meyer
Homer bärndütsch: Odyssee
Filme und Bücher geniesst man am besten in der Originalausgabe, in der Sprache, in welcher sie ursprünglich geschrieben wurden. Da dies allerdings nicht immer möglich ist, greifen wohl die Meisten gerne mal zu der deutschen Ausgabe. Doch wieso nicht einmal einen Titel in der Muttersprache lesen? In meinem Falle wäre dies in - Bärndütsch!
«Homer's Odyssee» auf Bärndütsch bietet genau diese Möglichkeit für ein grosses Werk. Ein Klassiker der Weltliteratur in der schönsten Sprache der Welt, wer könnte da Nein sagen?
Simeon Reiser
Cosmos Verlag, Muri bei Bern 1988
436 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-305-00069-2
CHF 39,00
Robert B. Laughlin
Das Verbrechen der Vernunft
Betrug an der Wissensgesellschaft
Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin warnt in seinem Essay «Wie die Wissensgesellschaft betrogen» wird vor einem neuen dunklen Zeitalter der Desinformation und Ignoranz. Hier seine These:
«Das Wissen der Welt wächst explosiv. Doch aus Profitgier und Angst wird der Zugang zu neuen Erkenntnissen immer stärker beschränkt. Wir stehen am Beginn des Informationszeitalters, in dem der Zugang zu Wissen in vielerlei Hinsicht wichtiger ist als der Zugang zu materiellen Ressourcen. Tatsächlich wird aber in dieser sogenannten Wissensgesellschaft der Zugang zu Informationen versperrt, und frei erworbene Erkenntnisse werden aus wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen als illegal erklärt. Die zunehmenden Bemühungen von Staaten, Unternehmen und Individuen, Konkurrenten um jeden Preis davon abzuhalten, bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen, die sie selbst wissen, hat zu einer erstaunlichen Ausweitung des Schutzes geistigen Eigentums im Urheberrecht und zu einer beträchtlichen Ausweitung staatlicher Geheimhaltungsmöglichkeiten geführt.» Weiterlesen
Die acht ersten Bände der neuen Reihe «edition unseld» sind jetzt bei Suhrkamp für je CHF 19.00 erschienen.
Es sind Texte die im Niemandsland zwischen Natur und Geist angesiedelt sind.
Sandra Mitchell: Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel.
Wolf Singer, Matthieu Ricard: Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog. Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Susanne Warmuth.
Josef H. Reichholf: Stabile Ungleichgewichte. Die Ökologie der Zukunft.
Dietmar Dath: Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift.
Bernard Stiegler: Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien. Aus dem Französischen von Susanne Baghestani.
Rolf Landua: Am Rand der Dimensionen. Gespräche mit den Physikern des Cern.
Durs Grünbein: Der cartesische Taucher. Drei Meditationen.
Ulrich Riklin
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008
159 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-518-26002-9
CHF 19,00
Zürich und Bern 68
beide Bände zusammen
Bern 68
Lokalgeschichte eines globalen Aufbruchs - Ereignisse und Erinnerungen
Zürich 68
Kollektive Aufbrüche ins Ungewisse
Zwei Bände zum vierzigsten «Dienstalterjubiläum» der 68er sind pünktlich zum grossen Jubiläum erschienen. Es sind keine Festschriften aber Versuche, Zeitzeugen in die Geschichte einzubetten. 1968 begann in Bern, abseits der Metropolen, eine radikale Bewegung von Aussteigern, Hippies, Lehrlingen, Mittelschülern, Studenten, Jenischen, Nonkonformisten und schrägen Vögeln gegen Autoritäten, Bünzlitum und Ignoranz. In den Kellern der Altstadt brodelte es, in der Kunstszene spielte Bern eine Avantgardistenrolle.
(Schade, dazu ist wenig im Buch zu finden.) Neue Modelle für eine neue Gesellschaft, neue Lebensweisen und unkonventionelle Wege der Selbstverwirklichung wurden gesucht.
Auch in Zürich war der gemeinsame Feind das «Establishment». Die Protestbewegung in Zürich versuchte ebenso die gesamte Gesellschaft, die bürgerliche Politik und das private Leben zu revolutionieren. Demos gegen den grausamen Vietnamkrieg mobilisierte Hunderte, die Heimkampagne und das Zürcher Manifest, das Love-in auf der Allmend waren Ausdruck des Kampfes für Selbst- und Mitbestimmung.
Ein persönliches PS: «68» gab es nicht, niemand fühlte sich als 68er, dieses Etikett wurde erst viel später ausgeteilt. Wir fühlten uns einer Partei, Organisation, politischen oder kulturellen Idee verpflichtet. Wir schlossen uns zusammen gegen den gemeinsamen Feind: das verstockte «Establishment».
Viele packten ihr eigenes Leben an, verwirklichten Utopien und Alternativen, gingen selbstbestimmte Wege. «68» dauerte mindestens zehn bis fünfzehn Jahre und hinterliess tiefe Spuren. Die erträumte Revolution ist nicht gekommen, aber neue Wege führten zu neuen Zielen.
Ich bin kein 68er, ich bin ein 72er.
Ulrich Riklin
hier + jetzt Verlag, Baden 2008
Kartoniert
ISBN 978-3-03919-084-3
CHF 78,00