Buchtipps vom 28. März 2008
- Joseph Roth: Die Erzählungen
- Alfred Döblin: Berlin - Alexanderplatz
- Robinson Jeffers: Die Zeit, die da kommt
- Franz Kafka: Die Erzählungen
- Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker
- Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
- Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen
- George Orwell: Farm der Tiere
- Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues
- Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita
Joseph Roth
Die Erzählungen
Die Legende vom heiligen Trinker - Der Leviathan - u.v.m.
Was war er? Ein Wunderrabi (1894 geboren) aus Galizien, ein jüdischer Katholik, ein als Gentleman
verkleideter Mythomane, ein todtrauriger Trinker mit Tobsuchtsanfällen, ein Wortheiler? War er der
emotionale vibrierende Seismograph, ein unverbesserlicher Anhänger der untergehenden
österreichischen k&k-Monarchie?
Spätestens bei der «Legende des Heiligen Trinkers» wird es klar: soviel Ehrlichkeit ist
ergreifend.
Ulrich Riklin
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2008
397 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-462-03971-9
CHF 19,30
Alfred Döblin
Berlin - Alexanderplatz
Erste kommentierte Taschenbuchausgabe des wegweisenden deutschen Grossstadtromans mit Varianten
und vom Autor verworfenen Kapiteln und Einfügungen. Es ist die Geschichte des Transportarbeiters
Franz Biberkopf, der aus der Strafanstalt Berlin-Tegel entlassen wird und als ehrlicher Mann ins
Leben zurückfinden möchte. Er durchschreitet - wie Döblin schreibt - «in seinem schweren, wahren und
aufhellenden Dasein» die Tiefpunkte der Menschlichkeit, die Grausamkeit der Metropole und die
grenzenlose Herausforderung «nicht zu sterben, sondern sich auszustrecken, hinzustrecken, zu fühlen,
nicht auszuweichen, sondern sich zu stellen mit seiner Seele und standhalten...»
Ulrich Riklin
Deutscher Taschenbuchverlag, München 2001
874 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-423-12868-1
CHF 42,10
Robinson Jeffers
Die Zeit, die da kommt
Gedichte
Robinson Jeffers (1887 bis 1962) ein Vergessener der amerikanischen Literatur, liebte alles, was
Bestand hat. Er verehrte die Natur und zweifelte an der Gattung Mensch. Er wählte für die
menschliche Hybris den Begriff «Inhumanismus» , Botho Strauss braucht dafür «Ohnmenschlichkeit».
«In the night on the sea. There ist nothing on earth nor perhaps / in the vast of heaven, so
pure so desiderable/ As this hour and this scene.» (aus: Dawn). Vögel, Meer, Brandung, zerklüftete
Klippen formte er in Sprache, Fels und Falke wurden zum Leitmotiven seiner Dichtung. Ein Weltgedicht
plante er, wie Lukrez sein «De Rerum Natura»,es blieb ein unvollendetes Projekt.
Er zog im Jahre 1919 mit seiner Frau in tiefer Abscheu vor der Zivilisation in das von ihm
selbst erbaute Natursteinhaus an der damals unberührten Küste Kaliforniens. Jeffers wollte wohl sein
Leben verlangsamen: «Ihr, die ihr hastet, beschleunigt nur den Verfall».
Ulrich Riklin
Hanser Verlag, München 2008
252 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-446-23008-8
CHF 35,90
Franz Kafka
Die Erzählungen
Einmalige Sonderausgabe
Im Juli wird Franz Kafka 125 Jahre alt! Anlässlich dieses Jubiläums hat der Fischer-Verlag einen Sammelband mit sämtlichen Erzählungen Kafkas herausgegeben. Neben den bekannten Erzählungen wie «Die Verwandlung» oder «Ein Landarzt» sind in diesem Band auch die kürzeren und fragmentarischeren Texte von Kafka vereint. Einen Vorgeschmack gibt es hier:
«Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich gieng selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: «Wohin reitest Du, Herr?»
«Ich weiss es nicht», sagte ich, «nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.»
«Du kennst also Dein Ziel?» fragte er. «Ja», antwortete ich, «ich sagte es doch, Weg-von-hier, das ist mein Ziel.»
«Du hast keinen Essvorrat mit», sagte er. «Ich brauche keinen», sagte ich, «die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.»
aus «Der Aufbruch»
Céline Morgan
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007
575 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-10-038191-0
CHF 18,70
Friedrich Dürrenmatt
Der Richter und sein Henker
«Früher war alles besser» - ist das so? Ob schlechter oder besser, auf jeden Fall war vieles
anders. Auch in der Literatur. Verkommt heute der Kriminalroman langsam aber sicher eher zum 0815
Titel aus dem Bestsellergenre, so gab es durchaus kritischere Zeiten. Wie das Jahr 1950, aus welchem
dieser (moderne) berner Klassiker stammt.
Aber auch ohne Kritik ist das Szenario um den alten berner Kriminalkommissar Bärlach und seinen
"Gegenspieler" Gastmann sehr faszinierend. Wo liegen die Grenzen eines persönlichen
(Wett)Streites, die moralischen und die der gesetzlichen Legalität? In genau diese Grenzgebiete
entführt einen der Fall, verpackt in einen Krimi aus erstklassiger schweizer Feder.
Simeon Reiser
Diogenes Verlag, Zürich 1997
181 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-257-22535-8
CHF 10,90
Rainer Maria Rilke
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Statt einer durchlaufenden Handlung, ranken sich in Rilkes (Tagebuch)Roman nur bruchstückhafte
Erinnerungen, Eindrücke und Reflexionen, um das Leitmotiv der Angst vor Tod, Krankheit und
Vereinsamung. Erst nach und nach lassen sich Zusammenhänge erkennen. Bilder des Ekels, der
Krankheit, der Armut und vor allem des Todes beschäftigen ihn.
Malte Laurids lebt in einer kleinen Mietwohnung in Paris. Dort sitzt er oft an seinem Tisch und
schreibt seine Eindrücke und Erlebnisse auf. Zuerst beschreibt er nur Dinge, die er gesehen und
beobachtet hat, später schreibt er auch Erinnerungen an seine Kindheit auf.
Rilke entwickelt in seinem Stil einen unglaublichen Sog, der mich immer wieder in seinen Bann
zieht. Er berührt und bewegt.
Barbara Gafner
Insel Verlag, Frankfurt 1982
226 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-458-32330-3
CHF 15,50
Friedrich Dürrenmatt
Das Versprechen
Requiem auf den Kriminalroman
Friedrich Dürrematt einer der grössten Schweizer Autoren überhaupt. Zu seiner Zeit war es schwer sich mit dem Schreiben finanziell über Wasser zu halten. Zudem lasen die Leute am liebsten Kriminalromane, also blieb ihm nichts ander übrig, als in diesem Genre zu schreiben.
Im Zürcherischen Mägendorf wird ein Mädchen,das mit einem Rasiermesser getötet wurde, im Wald gefunden. Der Kommissär Matthäi überbringt die schreckliche Nachricht den Eltern, dabei verspricht er der verzweifelten Mutter, bei seiner Seligkeit den Mörder zu fassen. Der Tatverdacht fällt auf den Hausierer von Gunten, der bereits wegen Unsittlichkeiten vorbestraft ist. Nach einen zwanzigstündigen Verhör gesteht er den Mord. Nun scheint der Fall gelöst, doch der Kommissär Matthäi glaubt nicht, den wahren Täter gefunden zu haben, er beginnt im Privaten weiter zu ermitteln. Dabei stösst er auf eine interessante Fährte...
Ausnahmsweise ist dieses Buch nicht verfilmt worden, sondern Dürrenmatt bekam den Auftrag, ein
Drehbuch zu schreiben. Er verfasst «Es geschah am hellichten Tag» und war jedoch mit dem Ende nicht
wirklich zufrieden. Darum setzte er sich noch einmal hin und verfasste dieses Buch, dessen Ende vom
Film abweicht. Der Untertitel des Buches verrät das Augenzwickern von Dürrenmatt hinsichtlich der
Kriminalromane. Darum ist es eins meiner absoluten Lieblingsbücher.
Lori Günter
Deutscher Taschenbuchverlag, München 1978
160 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-423-01390-1
CHF 10,80
George Orwell
Farm der Tiere
Eine Fabel
«Vier Beine gut, zwei Beine schlecht», wobei Flügel selbstverständlich als Beine gezählt werden.
Das Schwein Old Major, der eine Mischung aus Karl Marx und Lenin darstellt, predigt den Tieren
von einer grossen Revolution, einem «Aufstand der Tiere». Old Major ist bereits tot als die Tiere
den Farmer Jones von seinem Grundstück vertreiben. Die Schweine sind nun unter der Führung von
Napoleon (Josef Stalin) und Schneeball (Leo Trotzki). an der Macht. Zwischen den beiden Ebern kommt
es zu einem Machtkampf, der in der Vertreibung Schneeballs endet.
«Alle Tiere sind gleich!» heisst eines ihrer Gebote. Jedoch wird daraus bald «Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher.»
George Orwell beschreibt allegorisch die Ereignisse in der Sowjetunion nach der
Oktoberrevolution. Die Schafe, Kühe und Hühner sind das ungebildete Volk. Einzig die Hühner wagen
es, sich aufzulehnen ? und werden schliesslich hingerichtet.
Boxer, das Pferd steht für die mässig gebildete Arbeiterklasse. Zwar hätte er die Kraft, sich
gegen die Schweine zu wehren, er tut es jedoch nicht und arbeitet bis zum Tod. Dessen Freund
Benjamin, ein Esel, beäugt das Geschehen kritisch und äussert sich auch dementsprechend.
Molly, ein weiteres Pferd, das den Adel symbolisiert wird schliesslich verjagt.
Die Hunde haben die Rolle der Wächter der Schweine und stehen für die Geheimdienste und die
Armee der Sowjetunion.
Die Tiere arbeiten am Bau einer Windmühle, die schliesslich zu Boxers Verhängnis wird. Die Windmühle soll Unabhängigkeit bringen in dem die Tiere Getreide exportieren wollen. Darin erkennt man die Industrialisierung der 1930er Jahre. Das Vorhaben endet in einer Hungersnot.
Gegen Ende des Buches sehen die übrigen Tiere, wie Menschen und Schweine miteinander feiern. Sie
können keinen Unterschied mehr erkennen und sehen dem Treiben nicht mehr länger tatenlos zu.
Nara Muntwlyer
Diogenes Verlag, Zürich 2001
132 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-257-20118-5
CHF 13,90
Erich Maria Remarque
Im Westen nichts Neues
Über «Im Westen nichts Neues» kann kaum noch etwas Neues geschrieben werden. In seiner
schonungslos bildhaften Sprache transportiert es den Schrecken des Stellungskriegs in unser
Bewusstsein. Die grausamen Einzelheiten der Schlacht und die Überlegungen der Soldaten zum
Menschsein machten aus diesem Buch ein Manifest des Pazifismus und der Wahrheit über den Krieg. Die
detailreiche Schilderung des Überlebens an der Front und die schon fast rauschhaften Schilderungen
der Schlacht machen jedoch den Reiz dieses Buches und die Faszination für Krieg aus. So sehe ich bei
dieser Lektüre den gleichen Widerspruch wie beim Sehen von Anti-Kriegsfilmen. Ohne das Interesse am
Krieg, ob im metaphorischen, symbolischen Sinn oder in historischen und technischen Aspekten, wäre
dieses Buch nicht lesbar. Denn wer konfrontiert sich über 200 Seiten lang mit einem schwer
verdaulichen Thema, ohne ein tieferes Interesse dafür zu haben?
Michael Zimmermann
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2007
218 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-462-02731-0
CHF 13,50
Michail Bulgakow
Der Meister und Margarita
Im Moskau der dreissiger Jahre treffen ein Lyriker und ein Vorsitzender einer Literaturgesellschaft, in einem Park auf einen seltsamen Ausländer und geraten mit ihm in ein Gespräch über die Religion. Als linientreue Kommunisten leugnen beide die Existenz höherer Wesen und spotten über die Jesusverehrung aller christlichen Kirchen. Hoch erfreut stimmt Ihnen der Fremde zu, bestätigt allerdings Existenz und Tod von Jesus, da er selbst dabei gewesen sei. Den erstaunten Literaten erzählt er darauf hin die Geschichte von Jeshua Hanosri (Jesus Christus), der in Jerusalem vor Pontius Pilatus angeklagt und zum Tod verurteilt wurde. Den beiden Männern prophezeit er nebenbei eine triste Zukunft: schnellen Tod dem Einen und Geisteskrankheit dem Anderen. Als kurz darauf der eine der beiden diesen Spinner nur verspottenden Atheisten unter die Strassenbahn gerät, packt den anderen das nackte Grauen, und als er noch im Schock unter desolaten Begleitumständen der Polizei den Hergang des Geschehens erzählt, landet er folgerichtig in einer psychiatrischen Klinik. Der aufgeklärte Leser merkt natürlich schnell, wer da mit den beiden bedauernswerten Männern gesprochen hat: der Teufel persönlich, der auf diese Weise den Auftakt zu phantastischen Ereignissen gibt und Moskau in ein Chaos aus Hypnose, Spuk und Zerstörung stürzt ? die Heimsuchung für Heuchelei und Korruption. Die als Roman im Roman verankerte Jesusgeschichte besteht aus drei Kapiteln: dem Verhör, der Kreuzigung und der Ermordung Judas. Verbunden sind beide Teile durch die Geschichte des Meisters, des Autors des genialen Pilatusromans über Jeschua Hanosri und seiner Geliebten Margarita, die zum Sinnbild wird für die liebende, die begehrenswerte Frau sowie für den Sinnenrausch schlechthin. Zur Hexe geworden, kann sie sich der Ekstase beim Ritt auf dem Besen eben sowenig entziehen wie der Leser der Lektüre.
Michail Bulgakow schrieb an dieser phantastische Satire auf das stalinistische Moskau bis zu
seinem Tod 1940. Der Roman erschien erstmals 1966/67 und wurde in der Sowjetunion in zensierter Form
herausgegeben. Vollständig erschien der Text im Westen im Jahre 1973.
Norman Meekel
Luchterhand Verlag, München 2007
510 Seiten, Kartoniert
ISBN 978-3-630-62093-0
CHF 19,90