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Boyer, Anne : Die Unsterblichen

Krankheit, Körper, Kapitalismus

«Es gibt den Zustand, sich wie eine Stadt zu fühlen, die für ihre Ruinen bekannt ist.»

So begibt sich Anne Boyer auf eine Suche nach Sprache und nach einer literarischen Form für den Umgang mit Krankheit im kapitalistisch geprägten Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten.

In diesen ebenso freien, poetischen wie sachlich-kritischen Memoiren einer Überlebenden, einer „Unsterbenden“, wie die Lyrikerin Daniela Seel das Englische „Undying“ im Partizip übersetzt, setzt sich die Autorin und Dozentin für Kreatives Schreiben und Literatur an der Universität in Kansas City essayistisch mit dem gegenwärtigen Pflegesystem und der Krebsbehandlung in den USA auseinander und deckt darin Profitorientierung und strukturellen Klassismus auf.

Sie war 41 Jahre alt, als ihr im Jahr 2014 dreifach negativer Brustkrebs diagnostiziert wurde. Als alleinerziehende Mutter und damals in schwierigen finanziellen Verhältnissen, bricht mit dieser Nachricht eine Katastrophe herein. Aus schlicht existentiellen Gründen war sie angewiesen auf das Unterrichten, unterbricht die Lehre während der Therapie nur kurz und beeindruckt die Leserin mit ihrer Tapferkeit und einem Lebenswillen, der einfach nicht unterzukriegen ist.

Boyers Reaktion auf ihr Schicksal ist in erster Linie: Recherche, ein Wissensdrang danach, was diese Krankheit bedeutet und wie man als Schriftstellerin über Schmerzen schreiben kann. Dabei geht es z. B. um die Kommerzialisierung der rosa Schleife (das Symbol für Brustkrebs) oder um den Rassismus in der Krebsforschung, der ihre Wut hörbar macht:

«Schwarze Frauen sind von dreifach negativem Brustkrebs überproportional betroffen und ich denke, es liegt am institutionalisierten Rassismus in der Medizin, dass es für ihn als Einzigem noch keine zielgerichtete Therapie gibt. ... Das Sterben dieser Frauen ist rassistisch und unnötig und unsere Trauer um sie sollte die Erde aufreißen.»

Sie beurteilt Krebs als eine Krankheit, die durch unsere Welt entstanden ist und schreibt ein Manifest gegen das kapitalistische System, gegen prekäre Krankenhauszustände, die sie selbst erlebt hat. Neben dieser erschreckenden Gesellschaftsanalyse macht Boyer aber noch etwas, das dieses Buch von anderen Krebsgeschichten unterscheidet: Sie flechtet Geschichten hinzu von Frauen und Autorinnen der Literaturgeschichte, die an Brustkrebs gestorben sind, stellt philosophische Fragen, überrascht mit Vergleichen aus der griechischen Antike, dem alten Ägypten, Träumen und mehr. Diese essayistische Schreibweise hebt das sonst sehr schwere, sensible Thema auf wunderbare Art an und fesselt den Leser, die Leserin bis zum Schluss.

Martha Höschel

Artikelnummer: 978-3-7518-0316-8
Fr. 36.90
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Autor Boyer, Anne / Seel, Daniela (Übers.)
Verlag Matthes + Seitz
Einband Fester Einband
Erscheinungsjahr 2021
Seitenangabe 280 S.
Meldetext Lieferbar in 24 Stunden
Ausgabekennzeichen Deutsch
Masse H22.0 cm x B14.3 cm x D2.6 cm 450 g
Auflage 1. Auflage
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